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Zwischen Glamour, Enteignung und Stillstand

Varosha, der südliche Stadtteil von Famagusta, war einst das mondäne Herz der zypriotischen Riviera. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren galt der Ort als „Saint-Tropez des Ostens“ – ein Treffpunkt für Reiche, Künstler und Abenteurer, die hier Sonne, Meer und Anonymität suchten.

Mit rund 6.000 bis 7.000 Einwohnern im Jahr 1974

und mehr als 100 Hotels war Varosha eines der modernsten Touristenzentren des Mittelmeerraums. Entlang der John-F.-Kennedy-Avenue reihten sich Boutiquen, Beachclubs und Luxusresorts. Im Argo Hotel sollen Elizabeth Taylor und Richard Burton abgestiegen sein; auch Raquel Welch, Brigitte Bardot und andere internationale Filmstars flanierten hier zwischen Palmen und Promenade.

Doch Varosha war mehr als nur ein Badeort – es war ein Symbol für den zypriotischen Traum vom Aufbruch: westlicher Glamour auf östlichem Boden, ein Ort, an dem Zypern die Welt zu Gast hatte.

Die verschwiegene Vorgeschichte

Was heute kaum jemand erwähnt: Der Aufstieg Varoshas war auch das Ergebnis undurchsichtiger Eigentumsänderungen in den frühen 1960er-Jahren.

Nach der Unabhängigkeit der Republik Zypern (1960) wurden zahlreiche Grundstücke neu erfasst und im Zuge von Verwaltungsreformen ins Kataster übernommen. Dabei kam es zu stillen Umschreibungen, oft ohne das Wissen der ursprünglichen Eigentümer – viele wurden schlicht aus den Registern gestrichen oder ersetzt.

Davon profitierten insbesondere lokale Investoren, Baugesellschaften und internationale Tourismuspartner, die das Gebiet für den Boom der 1970er vorbereiteten. Einige Familien verloren damit ihr Land, lange bevor 1974 alles zerstört wurde. Diese frühe Phase der „legalisierten Enteignung“ ist bis heute ein kaum aufgearbeiteter Teil der Geschichte Varoshas.

1974 – Der Tag, an dem die Uhren stehenblieben

Im Sommer 1974 brach der Traum abrupt zusammen. Nach dem Putsch der griechisch-zypriotischen Nationalgarde und der darauf folgenden türkischen Intervention flohen die Bewohner über Nacht. Gäste wurden evakuiert, Häuser blieben offen, Koffer standen auf den Betten, Radios liefen weiter.

 

Die türkische Armee riegelte das Gebiet ab – und Varosha blieb jahrzehntelang im Dornröschenschlaf: eine Stadt im Ausnahmezustand, in der Zeit und Vegetation den Platz der Menschen einnahmen.

Fenster zerbrachen, Palmen wuchsen durch Hotellobbys, Schildkröten legten ihre Eier am einst überfüllten Strand ab. Aus dem Symbol des Fortschritts wurde ein Sinnbild für den Stillstand eines ganzen Landes.

Unerzählte Geschichten und offene Wunden

Heute ist Varosha teilweise wieder zugänglich, doch die alten Wunden sind nicht verheilt.
Viele Familien besitzen bis heute keine rechtliche Möglichkeit, ihr Eigentum zurückzufordern, obwohl sie Dokumente aus den 1950er- oder 1960er-Jahren vorlegen können.

Die jüngsten Öffnungen ab 2020 wecken zwar Hoffnung, aber sie bringen auch neue Spannungen: zwischen Nostalgie, juristischen Fragen und politischen Interessen.

Was bleibt, ist ein Ort, der gleichermaßen fasziniert und verstört – ein Denkmal menschlicher Gier, politischer Machtspiele und vergessener Träume.

Fazit

Varosha ist kein Lost Place, sondern ein Symbol für die Widersprüche Zyperns:
Ein Ort, an dem Luxus und Enteignung, Aufbruch und Verlust, Hollywood und Heimat aufeinanderprallten.

Hier urlaubten einst Stars wie Elizabeth Taylor – heute wachsen Wildkräuter durch zerbrochene Glasfassaden.
Varosha erinnert uns daran, dass Wohlstand vergänglich und Geschichte oft mehrdeutig ist.

Es bleibt die Frage: Wird diese Stadt je wieder leben – oder bleibt sie das stillste Museum des Mittelmeers?